Bi nid fertig, ha ersch agfange

Warum mir die Velowerkstatt Halt gibt und mich trotzdem weiterfordert.

Ich arbeite in der Velowerkstatt von intact. Mein Tag beginnt um 8 Uhr. Ich fahre mit dem Velo durch das Steinhofquartier zur Werkstatt hinter dem Bahnhof. Im Winter war es dabei noch dunkel und kalt. Jetzt wird es morgens wieder heller und das Aufstehen fällt mir etwas leichter.

Die feste Arbeitszeit hilft mir. Ich weiss, wo ich am Morgen sein muss und was mich erwartet. In der Werkstatt gehöre ich zu einem Team. Man merkt, wenn ich da bin und auch, wenn ich fehle. Ich werde gebraucht und meine Arbeit wird ernst genommen. Das gibt mir Halt.

Mittlerweile kann ich gewisse Arbeiten selbstständig erledigen. Wenn ich nicht weiterkomme, versuche ich zuerst, selbst eine Lösung zu finden. Die Arbeitsagoginnen und -agogen geben mir nicht einfach die Antwort, sondern fragen nach und lassen mich überlegen. Manchmal wäre es einfacher, wenn mir jemand sofort zeigen würde, wie es geht. Aber so merke ich, dass sie mir etwas zutrauen. Am Schluss kontrolliert jemand aus dem Profi-Team meine Arbeit.

Diese Woche bereite ich ein gespendetes Velo für den Occasion-Verkauf auf. Ich prüfe den Rahmen auf Risse, reinige das Velo und teste bei einer Probefahrt Bremsen, Schaltung und Kette. Danach erkläre ich, was mir aufgefallen ist und wie ich vorgehen würde. Oft müssen Bremsbeläge, eine verrostete Kette oder brüchige Pneus ersetzt werden. Am Schluss öle ich die beweglichen Teile, pumpe die Reifen auf und lasse alles nochmals kontrollieren.

Besonders gerne reinige ich die Velos der Kundschaft. Wenn vorher kaum noch etwas glänzt und nachher sogar die Reflektoren an den Pedalen wieder sichtbar sind, sehe ich direkt, was ich geschafft habe. Wenn sich die Leute beim Abholen freuen, macht mich das stolz.

Auch die Pausen gehören für mich dazu. Um 10 Uhr sitzen wir zusammen. Die meisten trinken Kaffee, ich meinen Energy-Drink. Am Mittag wärme ich das Essen auf, das ich am Vorabend gekocht habe. Danach geht es zurück in die Werkstatt. Bis um 17 Uhr arbeite ich weiter an den Velos, erledige Aufträge oder bespreche mit dem Team, was als Nächstes ansteht. Die festen Abläufe geben meinem Tag Struktur. Genauso wichtig sind für mich die Gespräche mit den anderen. Sie geben mir das Gefühl, dazuzugehören.

Nicht nur das Team in der Werkstatt begleitet mich. Auch meine Integrationsfachperson unterstützt mich bei meinen nächsten Schritten. Wir sprechen über Bewerbungen, aber auch darüber, was mir schwerfällt. Sie lässt nicht immer locker, wenn ich einem Thema lieber ausweichen würde. Das kann anstrengend sein. Gleichzeitig merke ich, dass sie mich ernst nimmt. Im ersten Arbeitsmarkt läuft es oft direkter. Hier kann ich lernen, damit umzugehen, ohne allein gelassen zu werden.

Im Moment warte ich auf die Antwort zu zwei Bewerbungen. Eine feste Stelle ist mein Ziel, auch wenn ich das Team hier vermissen würde. Ich bin noch nicht dort, wo ich hinwill. Aber ich bin auch noch nicht fertig. Ich habe erst angefangen.


Diese Geschichte ist von wahren Begebenheiten inspiriert. Um die Privatsphäre der beteiligten Personen zu schützen, wurden Namen, Orte und einzelne Umstände bewusst verändert.